Erstbegehungen - Patrick Tirler https://patricktirler.com/category/erstbegehungen Fri, 13 Dec 2024 21:05:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.1 https://patricktirler.com/wp-content/uploads/2022/10/nggallery_import/cropped-DSC02881-32x32.jpg Erstbegehungen - Patrick Tirler https://patricktirler.com/category/erstbegehungen 32 32 „Slim Booty“ (7c+) – Tafraout, Marokko https://patricktirler.com/slim-booty-tafraout-marokko https://patricktirler.com/slim-booty-tafraout-marokko#comments Thu, 22 Feb 2024 16:01:53 +0000 https://patricktirler.com/?p=820 Im Februar 2024 besuchten wir, Felix Kiem, Moritz Plattner, Mara Mungenast und Patrick Tirler, Marokko auf der Suche nach schönen Risslinien in den Granitblöcken des Klettergebiets Tafraout. Wir waren sofort von der magischen Landschaft fasziniert und kletterten einige schöne Routen. Nachdem wir Andromeda (7b) am Elephant Rock geklettert waren, fiel unser Blick auf den breiten […]

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Im Februar 2024 besuchten wir, Felix Kiem, Moritz Plattner, Mara Mungenast und Patrick Tirler, Marokko auf der Suche nach schönen Risslinien in den Granitblöcken des Klettergebiets Tafraout. Wir waren sofort von der magischen Landschaft fasziniert und kletterten einige schöne Routen. Nachdem wir Andromeda (7b) am Elephant Rock geklettert waren, fiel unser Blick auf den breiten und furchterregenden Riss daneben, der steil nach links abfällt.


Ein „just for fun“-Projekt, das zunächst unmöglich schien, doch Felix und Moritz schafften es, ihn innerhalb weniger Tage frei (pinkpoint) zu klettern, mit buchstäblich und unvermeidlich viel Blut, Schweiß und Tränen. Wir fanden uns an unerwarteten Stellen, tief in mannsbreiten Rissen, mit Händen, Schultern und Hintern völlig eingeklemmt. Unnatürliche Positionen erforderten Kreativität und Mut zu neuen Dimensionen. Um in die Tiefe der Kluft zu gelangen, musste man die Luft anhalten und den Hintern einziehen. Weitere wichtige Punkte, die man sich merken sollte, um nicht stecken zu bleiben: den Chalkbag vor dem Start auf die linke Seite legen, da man ihn sonst nicht erreichen kann; den Helm zurücklassen, damit man später den Kopf drehen kann; der Rest ist unbeschreiblich und muss erlebt werden

Warnung! Diese Route ist nichts für Klaustrophobiker!
Ansonsten ist „Slim Booty“ (7c+) sehr zu empfehlen!

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„NELIM LAM“ – Die Bergkristall Route https://patricktirler.com/nelim-lam-die-bergkristall-route https://patricktirler.com/nelim-lam-die-bergkristall-route#comments Fri, 21 Jul 2023 18:32:30 +0000 https://patricktirler.com/?p=669 Mit Moritz Sigmund – 21/07/2023 Die Geschichte einer sehr besonderen Erstbegehung am Jamyang Ri (5800m) in Rangtik Tokpo in Ladakh (Indien). Mit vollem Stolz bezeichnen wir diese grandiose Linie als unseren bisher schönsten Erfolg. Seit zwei Wochen befinden Moritz Sigmund, Elisabeth Lardschneider, Markus Ranalter, Stefan Plank, Hannes Niederwolfsgruber, Hannes Sullmann und ich uns nun schon […]

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Mit Moritz Sigmund21/07/2023

Die Geschichte einer sehr besonderen Erstbegehung am Jamyang Ri (5800m) in Rangtik Tokpo in Ladakh (Indien). Mit vollem Stolz bezeichnen wir diese grandiose Linie als unseren bisher schönsten Erfolg.

Seit zwei Wochen befinden Moritz Sigmund, Elisabeth Lardschneider, Markus Ranalter, Stefan Plank, Hannes Niederwolfsgruber, Hannes Sullmann und ich uns nun schon im Rangtik Topko, einem abgelegenen Seitental des Zanskar Tals in der Region Ladakh im indischen Himalaya. Auf einer Höhe von 4900 Meter haben wir unsere Zelte aufgebaut und zusammen mit unseren drei, aus dem nahegelegenen Bergdorf Tungri stammenden Freunden, die uns mit größter Freude kulinarisch verpflegen, ein Basislager errichtet. Das Tal ist umrandet von gewaltigen Granitwänden, die innerhalb von einer bis drei Gehstunden vom Basislager erreichbar sind und das eigentliche Ziel unserer Reise darstellen.

Die einwöchige Anreise hat mich, dank sehr berührender Einblicke in die buddhistische Kultur und in die einfachen Lebensweisen der Einheimischen, so tief beeindruckt, dass ich keine alpinistischen Leistungen mehr von mir erwarte, um die insgesamt fünfwöchige Expedition als Erfolg bezeichnen zu können. Ich genieße die Zeit zwischen den Kletteraktionen im Basislager, die wir völlig abgeschirmt von der Außenwelt mit Gesellschaftsspielen, Lesen, Schreiben, Malen oder einfach nur Nachdenken verbringen.

Unser erster Erstbegehungsversuch durch den zentralen Wandteil auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri ist gescheitert. Zu sehr hat sich die Wand gewehrt. Der Jamyang Ri befindet sich unmittelbar hinter dem Basislager und seine steilen Granitwände sind bis in das besiedelte Tal sichtbar. Besonders der obere Teil des Hauptgipfels reflektiert das Sonnenlicht auf wunderschöne Weise und fasziniert uns schon seit unserer Ankunft in Tungri. Der Gipfel ähnelt einem Bergkristall, mit glatt geschliffenen Seiten und klar erkennbaren Kanten, die zu verschiedenen Tageszeiten den Licht/Schattenwechsel markieren. Einer dieser markanten Kanten zeigt direkt ins Tal und zieht somit jeden Morgen, sobald wir im Basislager aus den Zelten kriechen, unsere Blicke auf sich.

Da wir unseren ursprünglichen Plan, genau diese Kante durch die zentrale Wand des Vorgipfels zu erreichen, aufgeben mussten, entscheiden wir uns für den Kanal, der sich zwischen Haupt- und Vorgipfel bildet und bis zum Wandfuß reicht. Moritz und ich starten um 4 Uhr morgens vom Basislager aus, mit auf das Notwendigste reduzierte Material und einer guten Mischung aus Motivation, Hoffnung und Zuversicht.

Der Jamyang Ri mit dem vorgelagerten Vorgipfel.

Die ersten vier Seillängen klettern wir gleich oder ähnlich wie die Slowenen im Jahr 2016, die dann nach rechts über ein großes Felsband querten und als erste Seilschaft den Gipfel erreichten. Etwas Schnee im Kanal durchnässt unsere Kletterschuhe, da wir die Bergschuhe und Steigeisen am Einstieg gelassen haben, um Gewicht zu sparen. Ansonsten kommen wir schnell voran. Die Hauptschwierigkeit des Vorsteigers besteht darin, keine losen Blöcke loszutreten, die den Nachsteiger treffen könnten. Die leichte Kletterei bis zum sechsten Grad, die teils lose Art des Gesteins, der Schnee und das Fehlen jeglicher menschlichen Spuren bremsen uns keineswegs ein, sondern befeuern unseren Antrieb mit dem klaren Ziel vor Augen. Um 11:00 Uhr erreichen wir die Höhe des Vorgipfels auf etwa 5600 Meter, nach ungefähr 400 Klettermeter und 10 Seillängen, mindestens sechs davon auf bisher unberührten Felsen.

Mit geradem Blick ins Basislager und ins Tal sitzen wir nun dort und können es nicht erwarten zu erfahren, ob diese überaus gewagte Linie möglich ist. Mit dem Fernglas haben wir bereits in den Tagen zuvor einige Risse erkennen können. Doch ein genaues Studieren und Diskutieren der Linie haben wir stets vermieden, aus Angst davor, dass uns unsere Vernunft die Unmöglichkeit der Linie prognostiziert und uns von einem Versuch abrät.

Die erste Seillänge führt uns direkt auf die Kante des Bergkristalls und in einen Riss, den wir bereits vom Basislager aus sehen konnten. Dass sich dieser Riss als einer der schönsten alpinen Risse, die wir je geklettert sind, herausstellt, hätten wir uns in unseren besten Träumen nicht vorstellen können. Ganze zwei Seillängen können wir dieses Glück genießen.

Die Frage, ob unsere Route in einer Sackgasse enden wird, scheint sich zu nähern. Kurz bevor der Riss in eine blanke Platte ausläuft, quert Moritz zwei Meter nach rechts, genau auf die Kante, und platziert dort einem Friend hinter einer schmalen Schuppe. Einen Kletterversuch gerade nach oben muss er nach wenigen Metern abbrechen, weil weit und breit keine Sicherungsmöglichkeit in Sicht ist. Zurück beim Friend erwägt er einen Wechsel auf die andere Seite des Bergkristalls über eine Quertraverse auf schmalen Leisten, nach dem er gute Griffe vermutet. Nach kurzem Zögern verschwindet er aus meinem Blickfeld. Langsam, aber konstant, läuft das Seil durch das Sicherungsgerät. Ab und zu höre ich sein Atmen durch den Wind. Auf meine Rufe reagiert er nicht. Ich werde etwas beunruhigt, doch ich ahne bei Weitem nicht, in welchem mentalen Kampf sich mein langjährigen Kletterpartner gerade befindet. Nach etwa zehn Minuten höre ich eine kraftlose Stimme: „Das war zu viel für meinen Kopf“. Die Bedeutung dieser Aussage wird mir erst bewusst, als ich im Nachstieg an der Kante bei dem Friend stehe. Ich sehe Moritz auf gleicher Höhe in einer senkrechten Wand in einem Hängestand auf zwei Keilen und zwei Friends hängen. Etwa sieben Meter von mir entfernt. Keine Sicherung dazwischen. Ich sehe seine Magnesiumspuren auf kleinen abschüssigen Griffen und zu meinem Erschrecken überhaupt keine Tritte. „Die ersten Züge musste ich hangeln, dann konnte ich einige Reibungstritte ansteigen“, sagt er mir. Da wo er gute Griffe vermutete, waren keine, und ein Zurückklettern war für ihn nicht mehr möglich. Mit dem beunruhigenden Wissen, welche Leistungen Moritz an den Felsen bringen kann, klettere ich los und stecke eine Kraft in meinen Fingern, dich ich wohl in kaum einer Sportkletteroute je zuvor hervorrufen konnte. Ein drohender Pendelsturz direkt in den Stand kann unglaubliche Kräfte beschwören.

Die Traverse mit dem abschüssigen Leistenband.

Nach diesen sehr intensiven Klettermetern komme ich, vollgepumpt mit Adrenalin, am Stand an.  Ein Schuldgefühl gegenüber den potentiellen Wiederholern unserer Route überkommt uns. „Die werden uns hassen!“. Doch Cliff haben wir keinen dabei und der Handbohrer mit den zwei Bohrhaken ist nur für einen erzwungenen Rückzug gedacht. Doch dafür hebt ein Blick in die Wand über uns, die sich inzwischen in der Nachmittagssonne Orange färbt, unsere Zuversicht, dass wir es doch noch auf den Gipfel schaffen könnten.

Für zwei Seillängen folgen wir einem dünnen Haarriss, den wir mit Keilen und kleinen Friends absichern. Die Kletterei ist absolut genial. Regelmäßig müssen wir unsere aufgeblasenen Arme an den Zwischensicherungen entlasten. Doch wir sind uns einig, dass wir uns gerade in den schönsten alpinen Seillängen befinden, die wir je gesehen haben. Der lokale Regenschauer, der sich plötzlich unweit von uns über dem Chanrasrik Ri entlädt, beunruhigt uns zwar extrem, doch unsere sprühende Motivation scheint den Regen von uns fernzuhalten.

Nach einer weiteren Seillänge bemerken wir mit großer Freude, dass unsere Freunde Lisi und Makke unter uns den Vorgipfel des Jamyang Ri erreicht haben und somit ihre siebentägige Erstbegehung vollendet haben. Ich habe sie vor einigen Tagen begleitet und ihnen beim Haulen und Aufstellen des Portaledge geholfen. Deshalb weiß ich nur zu gut, welche grandiose alpinistische Leistung sie da vollbracht haben.

Elisabeth Lardschneider und Markus Ranalter auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri nach Vollendung ihrer gewaltigen Erstbegehung durch die steile Nordwestwand.

Bei uns hat sich allerdings das nächste Fragezeichen vor uns aufgebaut, denn ein großes Dach blockiert den Weiterweg nach oben. Auf einem Foto, dass wir auf meiner Kamera finden, entdecken wir einen möglichen Riss etwas rechts von uns. Ich seile Moritz fünf Meter ab und er pendelt zum erhofften Riss. Der dunkle Streifen auf dem Foto erweist sich tatsächlich als kletterbare Schuppe und Moritz stößt einen Jubelschrei aus, da das folgende Risssystem auf dem Gipfel zu führen scheint.

Die Pendeltraverse.

In den nächsten Seillängen zieht ein weiterer Regenschauer auf. Doch Buddha scheint es heute gut mit uns zu meinen und verschont uns erneut bis auf einige einzelne Tropfen. Ich hole meine letzten Kräfte aus mir heraus und renne gefühlt dem Gipfel entgegen. Meine Lungen arbeiten auf Hochtouren, um den niedrigen Sauerstoffgehalt der Luft auszugleichen. Sobald ich den Gipfel erreiche, kann ich nur mit Mühe meine Tränen zurückhalten. Unser erster Gipfel dieser Reise. Noch dazu eine Erstbegehung, deren Erfolg wir uns kaum erwartet hätten, und eine Linie, die uns im ganzen Tal am meisten inspiriert hatte. Nur zwei Schlaghaken haben wir benötigt und keinen einzigen Bohrhaken. Als wäre das nicht genug, befeuert uns die Aussicht auf die umliegenden Gletscher und Berge mit unglaublichen Impressionen.

Ungeachtet all der Gipfelemotionen sind wir uns jedoch bewusst, dass wir uns als wahrscheinlich dritte Seilschaft an diesem Punkt auf 5800 Meter befinden und uns noch ein langer Abstieg bevorsteht. Mit nur spärlichen Informationen über die Abseilpiste der Slowenen machen wir uns auf dem Weg ins Basislager. Nach drei komplett senkrechten Abseilern hängen wir mitten in der Wand und finden den nächsten Abseilpunkt nicht. Wir sind gezwungen, die letzten Kräfte aus den ermüdeten Armen hervorzurufen und mit Hammer und Handbohrer einen Bohrhaken zu bohren. Nach dieser mühsamen und nervigen Arbeit finden wir wieder die Schlingen der Slowenen. Nach zwei weiteren Abseilern wird es dunkel und wir verlieren uns erneut. Per Funk informieren wir unsere Freunde, dass es noch etwas länger dauern könnte. Glücklicherweise finden wir nach jedem Abseiler genügend natürliche Felsstrukturen, die uns ein weiteres Abseilen ermöglichen. 18 Stunden nach Aufbruch erreichen wir das Basislager. Müde und erschöpft, aber unendlich glücklich.

Unsere einheimischen Freunde haben uns den ganzen Tag mit dem Fernglas beobachtet und mit uns mitgefiebert. Yeshi, der noch vor unserer Rückkehr zurück ins Dorf aufbricht, trägt die Nachricht von unserem Erfolg ins Tal und wir spüren die Euphorie, die sich um uns ausbreitet. Seit unserer Ankunft erleben wir unglaubliche Glücksgefühle und Zufriedenheit, vermischt mit einer Riesenfreude für jedes noch so kleines Ereignis. Die Menschen in Tungri leben uns vor, wie ein glückliches Leben ausschauen kann und zeigen uns, wie dankbar wir für unser Leben sein müssen. Der Bergkristall wird uns wohl für immer daran erinnern, dass man die wirklich wertvollen Schätze nur in seinen Erinnerungen aufbewahren kann.

Patrick Tirler – 23/07/2023 – Basecamp Rangtik Tokpo

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Jamyang Ri – Rangtik Tokpo (Indien) https://patricktirler.com/jamyang-ri-rangtik-tokpo-indien https://patricktirler.com/jamyang-ri-rangtik-tokpo-indien#respond Sat, 15 Jul 2023 16:52:08 +0000 https://patricktirler.com/?p=598 Ein gescheiterter Erstbegehungsversuch an der damals noch unbestiegenen Wand auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri (5600m) in dem „Rangtik Tokpo“ Tal in der indischen Region Ladakh. 11 – 15.07.2023 Mit Moritz Sigmund Hoffnung gegen Erwartung! Bilder der prominenten Granitwände des Jamyang Ri (5800m) und Chanrasrik Ri (6085m) haben uns nach Ladakh ins Rangtik Tokpo Tal […]

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Ein gescheiterter Erstbegehungsversuch an der damals noch unbestiegenen Wand auf dem Vorgipfel des Jamyang Ri (5600m) in dem „Rangtik Tokpo“ Tal in der indischen Region Ladakh.

11 – 15.07.2023

Mit Moritz Sigmund

Hoffnung gegen Erwartung!

Bilder der prominenten Granitwände des Jamyang Ri (5800m) und Chanrasrik Ri (6085m) haben uns nach Ladakh ins Rangtik Tokpo Tal in Indien gelockt. Umgeben von mehreren 6000 Meter hohen Gipfeln strahlen diese zwei besonders auffallenden Wände durch ihre Steilheit eine beeindruckende Macht aus. Nur eine Handvoll Kletterexpeditionen haben dieses wunderschöne Tal für sich entdeckt und daher sind noch beide Wände unbestiegen. Die sieben erschlossenen Kletterrouten des Tals folgen den einfachsten Linien auf den Gipfeln der Berge und berühren nicht ansatzweise das gewaltige Kletterpotential auf bestem Granit.

Die Anreise führt uns von der Hochgebirgsstadt „Leh“, über zwei Pässe auf nicht ganz 5000m in das kleine, abgeschiedene Bergdorf „Tungri“. Die etwa 200 Einwohner empfangen uns mit einer herzlichen Einladung zum Essen, Trinken und Tanzen auf einer Hochzeit und wir können uns eine freundschaftlichere Aufnahme kaum vorstellen. Nach einigen Tagen in Tungri, die sich wie ein Traum auf einem anderen Planeten anfühlen, begleiten uns 23 gut gelaunte Träger auf den sechsstündigen Fußmarsch in das Seitental, wo wir auf 4900m Meereshöhe unser Basislager errichten. Unsere drei einheimischen Freunde „Lobzang“, „Lobzang“ und „Sonam“ werden uns die nächsten drei Wochen Gesellschaft leisten und uns mit leckerer einheimischer Kulinarik vom Feinsten versorgen.

Gleich an den ersten zwei Tagen legt uns ein ungewöhnliches Wetterphänomen einen halben Meter Schnee vor die Zeltwände und wir sind gezwungen, uns an die unerwarteten Bedingungen anzupassen. Glücklicherweise bleibt die Nordwestwand des Jamyang Ri aufgrund ihrer Steilheit gänzlich vom Schneefall verschont und Moritz und ich können unser erstes Ziel in Angriff nehmen. Eine riesige Verschneidung geschmückt mit mehreren Rissen, ziert das obere Drittel der Wand und steht für den Inbegriff einer „Kingline“ durch die etwa 500m hohe jungfräuliche Wand. Das mittlere Drittel besteht aus blanken, überhängenden Platten, durch denen wir uns nur mit viel Optimismus und Spekulation eine kletterbare Linie von Felsschuppe zu Felsschuppe erhoffen können. Das untere Drittel ist wieder gut strukturiert und wir schätzen den Zeitaufwand für diesen Teil auf einen Tag. Wie üblich, auf den großen Bergen des Himalayas, sollten wir uns wieder einmal gehörig verschätzen.

Am 11. Tag der Reise können wir endlich zum ersten Klettertag aufbrechen und uns gelingen an diesem Tag die ersten drei der vermeintlich leichten Einstiegsseillängen. Der Fels ist kompakt und steil und verlangt uns klettertechnisch und moralisch alles ab. Wir kommen nur halb so weit wie geplant und können nach den drei Seillängen im 8ten und 9ten Schwierigkeitsgrad nur erahnen, was uns auf der restlichen Route erwarten wird. Total erschöpft seilen wir ab und kehren ins Basislager zurück, wo uns bereits ein Dreigängemenü erwartet.

Am nächsten Tag ziehen wir uns an den fixierten Seilen hoch und erreichen schnell den Umkehrpunkt vom Vortag. Ich habe leichte Kopfschmerzen und fühle mich überhaupt nicht erholt. Daher begnüge ich mich an diesem Tag mit einer achtstündigen Sicherungseinheit. Zum Glück ist Moritz fit und motiviert. Der Riss, dem wir folgen, ist leicht überhängend und wäre ein Traum für jeden Kletterer. Doch an Freiklettern ist im Moment leider nicht zu denken. Den Schwierigkeitsgrad schätzen wir zwischen 8a und 8b, was unsere Linie schon in den vermeintlich einfachen Anfangslängen zu einem der weltweit schwierigsten alpinen Freikletterproblemen auf dieser Meereshöhe machen würde.

Meter für Meter arbeitet sich Moritz technisch mithilfe einer sehr kreativen Verwendung von Friends, Keilen, Ballnuts und Messerhaken nach oben. Ich befreie im Nachstieg den Riss von losen Schuppen und versuche die Freikletterzüge zu erfühlen. Der Zeitaufwand für jede Seillänge ist enorm und wir schaffen an diesem Tag nur zwei Seillängen. In was für ein gewaltiges Projekt sind wir hier geraten, denke ich mir. Uns ist inzwischen klar, dass wir die restlichen drei Wochen für die Fertigstellung dieser Route benötigen werden und nicht, wie anfangs gedacht, nur drei Tage.

Nach einem erholsamen Pausetag im Basislager haben wir unser Portaledge, sowie Wasser und Essen für drei Tage im Gepäck, um uns den täglichen Auf- und Abstieg ins Basislager zu ersparen. An diesem Tag gelingt uns Seillänge 6, ein wunderschöner Riss, der wohl in jedem Klettergarten ein Klassiker wäre. Nach dieser Seillänge erreichen wir den Punkt, welcher das logische Ende des ersten Drittels der Wand markiert. Dort hängen wir unser Portaledge mit dem Überzelt auf und gönnen uns eine Pause mit Chapati (Fladenbrot), Sottilette und illegal importierten Kaminwurzen. Das große Fragezeichen unserer Linie steht nun bevor und wir hoffen inständig darauf, dass die so genialen ersten sechs Seillängen nicht in einer Sackgasse enden müssen.

Schon beim Vorsteigen der letzten Seillänge erhaschte ich einige Blicke in die Wand, die sich über uns auftürmt. Die Wand ist steil und erschreckend blank. Die wenigen Risse sind oft geschlossen und teils mit losen Felsschuppen umrundet. Ich bekam sofort das Gefühl, dass sich meine realistischen Erwartungen gegen meine optimistischen Hoffnungen durchsetzen könnten. Etwa 100 Meter über uns können wir die große Verschneidung mit den erlösenden Rissen sehen, doch der Weg dahin wirkt unendlich weit und hart.

Die kleine offene Verschneidung, die direkt an unserem Standplatz beginnt und weiter oben in einer unerkennbaren Mischung aus glatten Platten, dünnen Felsschuppen und einzelnen Rissen mündet, soll den Einstieg in das zweite Drittel der Wand bilden. Moritz ist nach wie vor optimistisch und bekräftigt mehrmals seinen Glauben, dass wir genügend Risse zum Absichern finden werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass er durch bloßes Ignorieren sämtlicher Hindernisse doch noch eine Lösung findet. Ich hoffe auf einen unerwarteten Durchbruch und lasse Moritz vorsteigen.

Als erste Sicherung schlägt Moritz mit dem Hammer einen kleinen Keil zwischen zwei hohle Schuppen in der Verschneidung. Etwas darüber platziert er einen winzigen Friend. Als er daran zieht, bewegen sich beide Seiten des Risses. Erschrocken und mit der Angst eines bevorstehenden Sturzes ins Gesicht geschrieben, lässt er ihn unberührt hängen. Etwas eingeschüchtert, aber trotzdem mit konzentrierter Miene, steigt er mit vollem Gewicht in die Trittleiter, die an einem weiteren Microkeil hängt, und richtet sich auf. Langsam nimmt er einen Haken vom Gurt, steckt ihn in eine schmale Felsritze und setzt zum Hammerschlag an. Zack! Der ganze Fels vibriert, die Keile brechen aus und Moritz fliegt mit einem Fuß in der Trittleiter am Portaledge vorbei.

Der Sturz war ungemütlich, irgendwie erwartet, aber doch überraschend. Nach einer kurzen Pause versucht Moritz es erneut über einen Riss außerhalb der Verschneidung. Der erste Messerhaken scheint zu halten. Beim Schlagen eines zweiten Hakens einen Meter darüber rutscht der erste Haken einige Zentimeter aus dem Riss heraus. Mit seiner ganzen Fingerkraft krallt er sich an irgendwelchen Felsleisten fest und verhindert einen krachenden Sturz gerade ins Portaledge.

Demoralisiert sitzen wir im Portaledge. Zum Handbohrer wollen wir nicht greifen, denn die Wand nach den ersten Metern sieht nicht viel einfacher aus und wenn wir jetzt schon einen Bohrhaken brauchen, würden noch viele folgen. Eine mühsame Arbeit, die wohl mehrere Tage in Anspruch nehmen würde und auf der wir überhaupt keine Lust haben. Die vier Bohrhaken in den ersten sechs Seillängen, die jeweils 20 Minuten vollste Kraftanstrengungen erforderten, haben uns schon gereicht. Langsam realisieren wir, dass die Wand gewonnen hat. Wir gestehen uns die Niederlage ein und entscheiden uns die Route aufzugeben.

Etwas traurig genießen wir die Sonnenuntergangsstimmung auf unserem Portaledge, hoch oben über dem schneebedeckten Gletscher und umringt von all den 6000ern. Obwohl wir noch genügend Tageslicht fürs Abseilen übrighätten, nutzen wir die einzigartige Gelegenheit, um eine Nacht in dieser besonderen Umgebung zu verbringen und seilen erst am nächsten Tag ab. Der kleine rote Friend, der etwa 4 Meter über unserem höchsten Standplatz hängt, bleibt gezwungenermaßen zurück und symbolisiert unseren Willen, die Tour auf unserer Art und Weise zu vollenden. Die nächsten, die diesen Punkt erreichen, haben ihn sich verdient und können unsere volle Unterstützung auf ihrer Seite wissen. Der Wert dieser genialen Kletterlinie für die Alpingemeinschaft übersteigt den Wert des verlorenen Friend bei Weitem und wir können nur hoffen, dass irgendwann jemand die Fähigkeiten besitzt, die Route zu vollenden.

Geschrieben am 16/07/2023 im Basecamp Rangtik Tokpo

Patrick Tirler

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„Die Schwarze Träne“ (VII) Schlern https://patricktirler.com/die-schwarze-traene-vii-schlern-ostwand https://patricktirler.com/die-schwarze-traene-vii-schlern-ostwand#respond Sun, 11 Sep 2022 11:39:00 +0000 https://patricktirler.com/?p=459 Schlern Ostwand – am 11.09.2022 – mit Florian Gufler Ein wunderschöner Tag. Der Sommer neigt sich langsam dem Ende zu und die Ruhe des Herbsts breitet sich über das Schlerngebiet. Es ist nun schon einige Jahre her, dass ich meine Route „Attacke“ auf dem Mumelterkopf vollendet habe. Damals ist mir in der Ostwand des Schlerns […]

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Schlern Ostwand – am 11.09.2022 – mit Florian Gufler

Ein wunderschöner Tag. Der Sommer neigt sich langsam dem Ende zu und die Ruhe des Herbsts breitet sich über das Schlerngebiet. Es ist nun schon einige Jahre her, dass ich meine Route „Attacke“ auf dem Mumelterkopf vollendet habe. Damals ist mir in der Ostwand des Schlerns eine Linie aufgefallen, die ich im Hinterkopf behalten habe. Auf der Frage von Flo, was wir an diesen Sonntag machen könnten, schlug ich ihm eine Erstbegehung am Schlern vor. Ohne weiter nachzufragen, sagte er zu.

Ich habe kein genaues Wandbild mehr und kann mich nicht mehr gut an die Linie erinnern. Doch ich bin mir sicher, dass mein jugendliches Auge damals eine mögliche Linie entdeckte und vertraue darauf. Ohne große Erwartungen treffen wir uns um 7 Uhr beim Parkplatz. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen und es gibt viel zu erzählen. Der Zustieg vergeht wie im Flug, ohne dass wir uns überhaupt große Gedanken machen, was wir heute machen. Nach dem Stahlseil des Gamssteigs zweigen wir nach rechts auf die Scharte und die gesamte Ostwand des Schlerns türmt sich vor uns auf. Meine Idee von damals befindet sich viel weiter rechts als gedacht und dazwischen liegt ein dichtes Latschenfeld. Da wollen wir auf keinen Fall durch. Doch zu unseren Freuden ist am Schlern noch jede Menge Spielraum für neue Routen und wir sind flexibel.

Die Ostwand des Schlerns

In den letzten Jahren habe ich viele Routen in den Dolomiten wiederholt und die Anziehungskraft des Unbekannten ist dabei konstant gestiegen. Spätestens nach der Expedition nach Kirgistan hasse ich es auf einem Topo nachzuschauen, wohin ich klettern muss. Am liebsten verlasse ich mich auf meinem Gefühl und auf Erstbegehungen hat man gar keine andere Wahl. Ich freue mich auf das Abenteuer und erwarte mir keinen Erfolg. So entscheiden wir uns für einen markanten Riss rechts vom Präsidentenband und queren höchst motiviert die letzten Meter zum Einstieg. Dort hängen wir uns einige Haken und Friends an den Gurt und klettern los.

Flo führt die erste Länge ohne Probleme. Ich stürze mich sofort in die nächste. Der Fels ist von bester Qualität und der Riss lässt sich perfekt absichern. Die Sonne scheint uns auf den Rücken und das Klettern macht Spaß. Am dritten Standplatz zögert Flo beim Standplatzbau und ich erkläre ihm lachend, dass er so viele Nägel schlagen kann, wie es braucht. Ich bin nicht bereit auf Sicherheit zu verzichten, um Material zu sparen. Sehr wohl aber sehe ich keine Notwendigkeit für eine fixe Sicherung, wenn man daneben einen guten Friend oder Keil platzieren kann. Die Herausforderung der Route soll sein, mit offenen Augen zu klettern und die natürlichen Sicherungsmöglichkeiten zu nutzen.

Mit jeder Seillänge nimmt die Steilheit zu und die Kletterei wird anspruchsvoller. Ein perfekter Riss weist uns den Weg nach oben und bereitet uns eine Riesenfreude. In der sechsten Seillänge gehen mir die Friends aus und ich muss einen zusätzlichen Haken beim Stand schlagen. Dies sollte der Letze für heute sein. Nach einer weiteren steilen Länge erreichen wir den Kamm des Pfeilers, von dem uns leichte Kletterei direkt auf die Wiese des Schlernplateaus führt. Glücklich legen wir uns in die Wiese und freuen uns über eine gelungene Onsight-Erstbegehung.

Routeninformationen:

Die Route folgt einem markanten Risssystem und ist bis auf zwei Normalhaken vollständig clean. Der Fels ist sehr gut und bietet ausreichend Möglichkeiten für mobile Sicherungen.

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„Der fliegende Milchmann“ (VIII-) Santner https://patricktirler.com/der-fliegende-milchmann-vii-santner https://patricktirler.com/der-fliegende-milchmann-vii-santner#respond Sun, 04 Sep 2022 08:09:00 +0000 https://patricktirler.com/?p=423 Erstbegehung am Santnerbauchpfeiler 03/04.09.2022 mit Moritz Sigmund Bereits vor einigen Jahren hat sich diese besonders herausstechende Linie in meinen Kopf eingebrannt. Jedes Mal, wenn ich beim Zustieg zur Santner Nordwand aus dem Wald hinausblicke, schießt mir dieser perfekte Riss ins Auge. Pfeilgerade durchzieht er eine steile, gelbe Wand am rechten Rand der Nordwand des Santners. […]

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Erstbegehung am Santnerbauchpfeiler 03/04.09.2022 mit Moritz Sigmund

Bereits vor einigen Jahren hat sich diese besonders herausstechende Linie in meinen Kopf eingebrannt. Jedes Mal, wenn ich beim Zustieg zur Santner Nordwand aus dem Wald hinausblicke, schießt mir dieser perfekte Riss ins Auge. Pfeilgerade durchzieht er eine steile, gelbe Wand am rechten Rand der Nordwand des Santners. Im Anblick des Santers wirkt der kleine Pfeiler, auf dem sich der Riss befindet, klein und doch kann man ihm schon vom Weiten erkennen. Schon zu Schulzeiten leuchtete mir diese wunderschöne Linie jedem Morgen auf dem Schulweg ins Gesicht. Ich wusste schon damals, dass ich früher oder später dort oben klettern werde.

So kam es, dass ich im Jahr 2019 mit Felix Kiem die Route „Heiße Liebe! Eiskalt erwischt!“ (9-) von meinem Onkel Moritz Tirler und Florian Riegler einstieg. Die Route führt rechts von dem gelben Riss auf dem Pfeiler und sollte uns einen guten Ausblick bieten. Doch die Route entwickelte sich zu einem Abenteuer für sich selbst und so vergaßen wir komplett, einen genaueren Blick nach links zu werfen. Felix, für dem es eine der ersten Alpintouren war, erzählt noch heute von diesem prägenden Erlebnis.

Nach einer Expedition nach Kirgistan zusammen mit Moritz Sigmund und vier weiteren Freunden bin ich heuer wieder höchst motiviert auf Dolomit zu klettern. Ich habe Moritz schon oft von dieser Idee auf dem Santner erzählt und am Vorabend des 3. September beschließen wir, das Projekt endlich umzusetzen. Am Wandfuß angekommen überlegen wir nicht lange und wählen den leichten Einstieg über einen breiten Kanal. Nach zwei Seillängen 4er Kletterei in den Zustiegsschuhen erreichen wir einen schönen Standplatz ober den Latschen, von dem wir einen ersten genaueren Blick auf den Riss werfen können. Die Wand über uns wirkt im ersten Moment etwas brüchig, doch beim genaueren Betrachten stellen wir fest, dass der Fels im Grunde sehr solide ist. Eine weitere leichtere Seillänge bringt uns auf das Band unmittelbar am Beginn des Risses. Ich baue einen stabilen Stand an drei Friends und übergebe Moritz das gesamte Material.

Mit zwei Sätzen Friends und einigen Nägeln an den Hüften klemmt er seine Hände in den Riss und klettert drauf los. Um Gewicht zu loszuwerden, platziert er gleich beide 4er Friends. Der Riss lässt sich wie erwartet sehr gut absichern und so kommen wir schnell voran. An einem Hängestand an einem Nagel und zwei Bombenfriends tauschen wir Material und ich kletterte voraus. Der Riss wird immer schmaler und mit Freude können wir zum ersten Mal unseren kleinsten Micro-Friend einsetzen. Nachdem ich, nach etwa 25 Meter, fast mein ganzes Sicherungsmaterial aufgebraucht habe, nehme ich die restlichen vier Friends vom Gurt, stopfe sie in den Riss und verbinde sie zu einem Stand. Ich freue mich riesig über den komplett sauberen Stand, der meinen Anschein nach mehr als so mancher Gebohrter aushält. Ich ahne dabei noch nicht, welche Belastungsprobe auf diesen Stand gleich zukommt.

Während Moritz seinen Standplatz abbaut, lasse ich meinen Blick über die Wälder des Schlerngebiets streifen. Weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Der Wald strahlt eine eigenartige Ruhe aus und übertönt all die Geräusche, die vom hektischen Alltag im Tal zu uns heraufklingen. In Gedanken versunken sichere ich Moritz nach. In den letzten Tagen ist sehr viel passiert, doch die einzige Frage die mich in diesem Moment beschäftigt, ist, wo der Adler, der über unsere Köpfe kreist, wohl sein Nest haben wird. Ich fühle mich wohl und bin froh hier zu sein.

Moritz ist inzwischen bei mir angekommen und freut sich gleich wie ich über den genialen Stand. Über uns verliert sich der Riss langsam in den kompakten grauen Platten. Ohne zu Zögern klettert Moritz drauf los und versucht nach etwa fünf Metern eine Sicherung zu legen. Doch der ausgewählte Felsspalt wehrt sich aus ganzer Kraft und nach einer Weile gibt Moritz auf. Erst später sollen wir bemerken, dass man weiter links einen guten Friend platzieren hätte können. „Do oben isch a Riss, do kriag i eppes inni!” Mit diesen Worten klettert er zügig weiter. Die Wand wird nun immer flacher und die Kletterei ist nicht mehr allzu schwer. An der besagten Stelle angekommen nimmt Moritz erneut einen Friend vom Gurt. In diesem Moment sehe ich wie sich etwas von seinem Gurt löst und an mir vorbei in die Tiefe fällt. „Oh nein, ein Keil!“ Ich beobachte wie der Keil im freien Fall dem Boden entgegenrast und bedauere den Verlust. Plötzlich höre ich von oben einen erschrockenen Schrei, der sofort meine volle Aufmerksamkeit erobert. Solche Geräusche hört in man in diesen Situationen absolut nicht gerne und deshalb schaue ich blitzschnell nach oben. Mit Schrecken sehe ich, wie Moritz langsam nach hinten kippt. Ein kleiner Griff zur Stabilisierung ist ihm gebrochen und daraufhin hat er sein Gleichgewicht verloren. Mit der letzten Hoffnung einen Wahnsinnssturz, direkt in den Stand, zu vermeiden, versucht er verzweifelt mit beiden Händen nach irgendwas Haltbaren zu schnappen. Doch sein Körperschwerpunkt ist bereits zu weit weg von der Wand. Im letzten Moment legt er sich das Seil zurecht und springt mit voller Kraft von der Wand weg. Mit zehn Metern Schlappseil rauscht er an mir vorbei. Alles geht so extrem schnell und ich habe keine Zeit zu reagieren, doch ich habe die Situation erfasst und bleibe erstaunlich ruhig. Meine große Sorge ist, dass er sich beim Aufprall sämtliche Knochen im Becken in Stücke reist, doch ich weiß genau was ich dagegen tun muss. Moritz fuchtelt in der Luft wie wild mit Händen und Füßen, und ich kann nur hoffen, dass er sich nicht im Seil verheddert. Nach einigen furchtbaren Sekunden des Fallens strafft sich das Seil. Ich bin auf diesem Moment vorbereitet und halte das Sicherungsseil gelassen in den Händen. Das Seil fängt an durch den Sicherungsknoten zu laufen und ich widerstehe dem reflexartigen Drang, das Seil festzuhalten. Nur langsam erhöhe ich den Druck in meiner Hand und bremse so die gewaltige Sturzenergie langsam aus.

Mit weit aufgerissenen Augen schaue ich nach unten. „Olles guat?“ „Jo, bei dir?“ Erleichtert über die schnelle Antwort, blicke ich zum Stand. Wie erwartet hat er keinen Wackler gemacht. Bei einem genaueren Blick auf das Seil, fällt mir etwas auf, dass ich noch nie gesehen habe. Auf etwa fünf Metern ist der Mantel durch die entstandene Hitze geschmolzen und bildet nun eine harte Kruste. Ich ziehe meinen Fuß unter dem gespannten Seil heraus und bemerke, dass mir das Seil einen fetten Verbrennungsstreifen eingebrannt hat. „Jo, olles guat!“

Nachdem wir uns von dem anschließenden Lachanfall erholt haben, klettert Moritz im Nachstieg die gesamte Schlüssellänge zum Stand. Als wäre nicht geschehen, probiert er es gleich nochmal. Diesmal platziert er auf dem Weg zum gebrochenen Griff gleich zwei Sicherungen. Nach etwa 20 Metern erreicht er einen Haken, den Moritz und Florian vor 17 Jahren zum Abseilen verwendet haben. Zusammen mit einem zweiten Nagel und ein Köpfchen baut er einen Stand und ich klettere nach. Die nächste Seillänge verlangt nochmals volle Konzentration und etwas Kreativität beim Absichern. Nach einer weiteren leichten Länge erreichen wir den Pfeilerkopf und entscheiden, die Route hier an einem logischen Punkt zu beenden.

Am nächsten Tag kehren wir nochmals zurück, um die Route freizuklettern. Mit dem Wissen über die genauen Placements fühlt sich alles viel leichter an. Ohne Anspannung genießen wir die Kletterei aus ganzen Stücken und freuen uns, die Linie in einem sauberen Stil geklettert zu sein. Glücklich über das erfolgreiche Wochenende steigen wir ab und Moritz macht sich gleich auf dem Weg nach Brixen, wo eine achtstündige Nachtschicht in der Brimi auf ihn wartet.

Routeninformationen:

Die Route führt durch eine sehr logische Linie auf dem Santnerbauchpfeiler. Wir haben bis auf drei Haken keine Spuren hinterlassen und bewahren damit für Wiederholern das Gefühl einer Erstbegehung. Die Route kann sehr gut abgesichert werden und verlangt neben den klettertechnischen Fähigkeiten auch einen sicheren Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln. Die Standplätze müssen ebenfalls selbst eingerichtet werden und ein Rückzug ist nur über die eingezeichneten Abseilstellen möglich.

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„Ak-Kalpak“ (8a+) Little Asan – Kirgistan https://patricktirler.com/ak-kalpak-8a-little-asan-kirgistan https://patricktirler.com/ak-kalpak-8a-little-asan-kirgistan#comments Fri, 05 Aug 2022 08:56:00 +0000 https://patricktirler.com/?p=334 Im Sommer 2022 reisen Moritz Sigmund und ich mit vier Freunden aus Südtirol nach Kirgistan ins Karavshin-Gebiet. Nach einer zweitägigen Anreise mit alten sowjetischen Jeeps über steile, ausgesetzte Passstraßen und einer achtstündigen Wanderung mit Eseln und Pferden erreichen wir das Basislager im KaraSu-Tal. Auf der Suche nach Abenteuern erkunden wir die gewaltigen Granitwände, von denen […]

Der Beitrag „Ak-Kalpak“ (8a+) Little Asan – Kirgistan erschien zuerst auf Patrick Tirler.

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Im Sommer 2022 reisen Moritz Sigmund und ich mit vier Freunden aus Südtirol nach Kirgistan ins Karavshin-Gebiet. Nach einer zweitägigen Anreise mit alten sowjetischen Jeeps über steile, ausgesetzte Passstraßen und einer achtstündigen Wanderung mit Eseln und Pferden erreichen wir das Basislager im KaraSu-Tal. Auf der Suche nach Abenteuern erkunden wir die gewaltigen Granitwände, von denen wir kaum Informationen besitzen. Die folgende Geschichte erzählt von unserer Erstbegehung am Little Asan.

Ein kalter Wind bläst mir ins Gesicht. Meine Goretex-Jacke flattert und die Schlaghaken an meinem Gurt klirren mit meinen Bewegungen. Ich schaue nach unten und sehe unterhalb meiner Füße den letzten Nagel. Ein dünner Messerhaken in einer fast verschlossenen Verschneidung. Wohl kaum wird er einen Sturz halten. Die Sicherungen darunter schauen noch schlechter aus und der letzte gute Friend ist weit unten. Ich beschließe, nicht länger darüber nachzudenken und konzentriere mich auf meine Füße. Die Spitzen meiner Kletterschuhe stehen auf kleinen Tritten und drohen jeden Moment abzurutschen. Ich kralle meine Fingerkuppen in die winzigen Granitleisten und suche nach Griffen. Doch alles über mir ist glatt und meine Finger finden keinen Halt.

Aus Verzweiflung nehme ich einen Haken vom Gurt und setze ihn in einen schmalen Riss. Doch schon nach zwei Hammerschlägen erwidert der Haken dumpfe Geräusch. Es hat keinen Sinn. Ich muss klettern. Plötzlich entdecke ich links von mir einen Felsvorsprung und wittere meine Chance. Mit allerletzter Kraft schraube ich die Leisten zu und strecke meine Fußspitze zum Band. Langsam belaste ich den neuen Tritt und versuche mein Körpergewicht zu verlagern. Meine volle Konzentration gilt nun dem Tritt und jegliche Bedenken an einen ungemütlichen Sturz sind verschwunden. Ich ertaste mit meiner linken Hand die Wand hinter der Kante und kann mein Glück nicht fassen, als meine Finger in einen Riss versinken. Jubelnd richte ich mich auf und schwinge hinter die Kante. Die erste schwere Seillänge wäre geschafft.

Bereits seit heute Morgen sind Moritz und ich nun unterwegs, um die wohl offensichtlichste Linie im ganzen Tal zu begehen. Da die gewaltige 150 Meter lange Verschneidung weder in unseren Topos noch in den Topos unserer russischen Basecamp-Freunde zu finden ist, hoffen wir auf eine Erstbegehung. Mit schweren Rucksäcken starteten wir vom Basecamp und erreichten nach einer Stunde das Materialdepot von Mo und Lisi. Mit Schrecken bemerkten wir, dass Mo und Lisi nach ihrem gescheiterten Versuch, den Odessa zu besteigen, wohl so durch den Wind gewesen waren, dass sie die Seile mitten in einen ausgetrockneten Bachbrett deponiert hatten. Die Regenfälle der letzten Tage führten natürlich dazu, dass die Seile komplett nass waren.

Beim Einstieg angekommen, erlebten wir dann die nächste Enttäuschung. Die ganze Verschneidung ist übersät von Bohrhaken. Was für eine Schande, vor allem weil die Linie mit großen Friends clean möglich wäre. Nach kurzem Überlegen schweifen unsere Blicke zu einer auffallenden Schuppe weiter links in der Wand. Wir hatten diese extrem kühne Linie bereits vor ein paar Tagen als unmöglich eingestuft, doch in diesem Moment nahm unser Optimismus die Überhand und so standen wir kurze Zeit später am Stand nach der leichten Einstiegslänge.

Mit dünnen Haken, kleinen Friends und Microkeilen bewaffnet stieg Moritz in eine steile abweisende Verschneidung ein. Die Wände links und rechts sind glatt und noch feucht vom Regen. Der Riss in der Mitte ist an manchen Stellen gerade breit genug für eine fragliche Sicherung. An Freiklettern ist nicht zu denken. Meter für Meter arbeitete sich Moritz technisch nach oben. Als die Verschneidung nach etwa 20 Metern in eine Sackgasse zu enden schien, ließ Moritz sich völlig erschöpft zum Stand herab und übergab mir die Führung.

Ich hänge nun hier am Stand und beobachte Moritz beim Nachklettern. Die freie Begehung wird auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, doch nun gilt es weiterzukommen. Die dritte Seillänge ist nicht so schwer und geht schnell. Ich bohre zwei Bohrhaken am Stand und schicke Moritz sofort in die nächste Länge. Etwa fünf Meter links von uns beginnt ein Riss, der uns wunderschöne Freikletterei verspricht. Doch eine senkrechte Platte trennt uns noch von unserem Ziel und bildet das große Fragezeichen unserer Linie.

Zu unserer Freude entdecken wir einige Leisten und aus den Fragezeichen wird ein Hoffnungsschimmer. Nach einigen gescheiterten Pendelversuchen wählt Moritz die Freiklettermethode und krallt sich an den abschüssigen Leisten fest. Mehrmals stürzt er ins Seil, doch er hat den Braten bereits gerochen und weiß, dass es möglich ist. Wieder und wieder sammelt er seine gesamten Kräfte und irgendwann erreicht er mit einem dynamischen Zug die rettende Leiste. Jubelnd versenkt er einen Friend und kämpft sich über den leicht grasigen Riss zu unserem nächsten Standplatz. Beim Nachklettern wird mir erst bewusst, wie schwer die Züge in der Traverse sind. Doch wir bleiben optimistisch und freuen uns auf die ersten Freikletterversuche.

Der Blick nach oben ist wie ein Blick ins Paradies. Eine 90°-Verschneidung mit einem perfekten Handriss pfeift kerzengerade nach oben, wo sich der Riss hinter einem Dach unserem Blickfeld entzieht. Da wir nur zwei Sätze Friends dabeihaben und der Riss von unten bis oben gleich breit ist, muss ich ständig auf und nieder klettern. Das Dach lässt sich in fantastischer Kletterei überwinden und schließt die Seillänge auf bester Weise ab. Da sich vom Tal bereits eine bedrohliche Gewitterwolke nähert, fixieren wir unser Statikseil, seilen ab, deponieren unser Material und laufen in schüttendem Regen zurück zum Basecamp.

Am nächsten Morgen stehen wir wieder am Einstieg, ziehen uns am Fixseil hoch und erreichen in kürzester Zeit den Umkehrpunkt von gestern. Bereits am Einstieg haben wir bemerkt, dass wir unser sorgfältig zubereitetes Brot im Basecamp vergessen haben. Drei Riegel sollen heute also unseren Hunger stillen. Einen davon haben wir schon verdrückt.

Die nächsten zwei Längen werden das Herzstück unserer Route bilden. Eine riesige Schuppe, bereits vom Weitem ersichtlich, durchzieht die aalglatte Granitplatte wie im Bilderbuch. In genialer Freikletterei genießen wir unser Glück und richten am Ende der Schuppe einen Stand an zwei Bohrhaken ein.

Das zweite große Fragezeichen steht nun bevor. Der Riss ist aus und wir stehen in der Platte. Unser ursprünglicher Plan über rechts zum nächsten Riss zu gelangen, wird von einer kahlen grifflosen Platte verhindert. Wir versuchen es über links. Fünf Meter über den Stand setzt Moritz einen guten Cliff, den er am liebsten als Sicherung verwendet hätte. Ich überzeuge ihn, einen Bohrhaken zu setzen und sichere ihn anschließend mit aufmerksamem Blick über einen langen Runout ins leichtere Gelände.

Von dort sollte man leicht hinter die Kante auf den Gipfelgrat kommen. Doch der Handriss über unseren Köpfen zieht uns an und wir wählen den Weg des größeren Vergnügens. So meinen wir zumindest. Kurz vor dem erlösenden Felsband wird der Handriss zu einen breiten Offwidth. Unsere Friends sind zu klein. Ich bin kurz vor dem Umdrehen, als ich einen möglichen Ausstieg über eine Traverse nach rechts bemerke. Ich klettere sofort los und bemerke erst auf halbem Weg, dass die Kletterei viel schwieriger ist als gedacht. Gerade in diesen Moment fängt es an, leicht zu regnen und meine Griffe werden mit jedem Tropfen rutschiger. Ich kann nicht mehr zurückklettern und ein Sturz ist inakzeptabel. Doch eine vorsichtige Flucht nach vorne rettet mich aus dieser unschönen Lage.

Auch die nächste Länge ist viel schwieriger als vom ersten Blick erwartet. Doch dank eines Bohrhakens und einiger Momente des Atemanhaltens gelingt uns auch diese letzte Länge und wir erreichen total ausgelaugt, aber überglücklich das wunderschöne Gipfelplateau des Little Asan auf zirka 3600m.

Am nächsten Tag, einem Pausentag im Basecamp, bekommen wir von unserem einheimischen Organisator einen traditionell kirgisischen Hut, einen Ak-Kalpak, geschenkt. Wir beschließen kurzerhand den Hut morgen bei unserem ersten Freikletterversuch mitzunehmen. Phillip Geisler, ein starker Kletterer aus Tirol, begleitet uns, weil sein Kletterpartner krank ist. An diesem Tag kann ich die erste Schlüsselseillänge frei klettern, allerdings mit bereits platzierten Sicherungen. Moritz und Phillip hingegen können die Züge in der zweiten Schlüsselseillänge entschlüsseln und kommen sehr knapp an einen Durchstieg.

Am Tag darauf gelingt mir auch diese Länge und wir schaffen auch alle weiteren Seillängen bis zum Gipfel zu befreien. Mit tiefster Zufriedenheit blicken wir auf unsere Linie und freuen uns darüber, die aktuell schwierigste Freikletterroute in Karavshin eröffnet zu haben.

Als Dank für die kirgisische Gastfreundschaft nennen wir unsere Route „Ak-Kalpak“, der für den Stolz und die Einigkeit der Kirgisen steht. Wir sind froh, in der stark vom technischen Klettern geprägten, russischen Bergsteigerkultur unsere Visionen vom modernen Freiklettern hinterlassen zu können und freuen uns schon auf die erste Wiederholung.

Routeninformationen:

„Ak-Kalpak“

Schwierigkeit: 8a+ (7b obligatorisch)

Länge: 280m, 11 Seillängen

Material: 2x BD#0.1-0.5, 3x BD#0.75-#2, 1x BD#3, Stopper

Abseilen über die Route (60m!)

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Bilder: Moritz Sigmund, Moritz Plattner, Patrick Tirler

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„Attacke“ (8a) Schlern Mumelterkopf https://patricktirler.com/attacke-schlern-mumelterkopf https://patricktirler.com/attacke-schlern-mumelterkopf#respond Fri, 10 Jul 2020 14:46:00 +0000 https://patricktirler.com/?p=22 "Attacke"

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2017 – Der Anfang

Es war Anfang Juni und die alljährlichen Italienmeisterschaften in Arco waren voll im Laufen, als uns die schreckliche Nachricht vom tödlichen Lawinenunglück am Großglockner erreichte. Manuel Jaider, mein langjähriger Klettertrainer bei „Klettern Schlern“ und Kletterpartner, verlor dabei sein junges und fröhliches Leben. Sofort brannte sich in mir der Gedanke ein, für Manuel und Bernhard als Dank für die unzähligen Trainingseinheiten und die vielen alpinen Abenteuern eine neue Route zu eröffnen. Die Mumelterkopfwand am Schlern war mir dafür steil genug und so dauerte es nicht lange, bis ich zusammen mit meinem Vater Hans jede Menge Material auf den Schlern schleppte, um die ersten Vorbereitungen zu treffen.

Einige Wochen später kehrten wir zurück zum Einstieg, um die erste Seillänge zu klettern. Mit dem neugekauften Cliff wusste ich damals noch nicht viel anzufangen, deshalb bohrte ich alles aus der Kletterstellung ein und konnte mir kaum vorstellen, in der darüber liegenden, deutlich steileren Wand weiterzumachen. Doch Aufgeben kam nicht in Frage und so wartete ich auf den nächsten Sommer, mit dem festen Vorsatz, die Route im nächsten Jahr fertigzustellen.

Während dem Durchstiegsversuch in der dritten Seillänge (7b+)

2018 – Die Vision

Es waren vor allem Tage, an denen sich kein Kletterpartner finden ließ, sodass ich alleine und völlig in Gedanken versunken, den mühsamen Aufstieg bewältigte, um anschließend an den Fixseilen abzuseilen und an meiner Route weiterzuarbeiten. Es war ein eigenartiges Gefühl, in totaler Einsamkeit gegen die Steilheit der Wand anzukämpfen. Eine merkwürdige Kraft trieb mich dabei an und Manuel und Bernhard waren in meinem Kopf so präsent wie nie zuvor. Es war bereits spät im Sommer, als ich endlich mit dem Stand der ersten Seillänge zusammentraf und die Route als beendet erklären konnte.

Ich hatte keine genauen Vorstellungen von der möglichen Schwierigkeit, doch ich wusste, dass es keine einfache Route geworden ist. Noch im Herbst wagte ich zusammen mit meinem Onkel Moritz einen ersten Freikletterversuch im dichten Nebel. Ich staunte nicht schlecht, als ich die weiten Hakenabstände in der ersten Seillänge feststellte, denn ich hatte sie etwas anders in Erinnerung. Auch die erste schwere Seillänge überraschte mich, denn die beim Einbohren abgetasteten Leisten waren kleiner als gedacht. Nach kurzem Putzen und Ausbouldern schaffte ich auch die Einzelzüge der darauffolgenden Seillänge. Der Nebel hatte sich inzwischen ein wenig gelockert und wir bemerkten, dass der Rest der Wand vollständig nass war. So entschieden wir uns für einen Rückzug und fixierten das Trainingsziel für den nächsten Sommer.

In der vierten Seillänge (7b+)

2019 – Geduld

Ich fühlte mich bereit für den Durchstieg und war überzeugt, dass es in diesem Jahr klappen wird. Anfangs noch geduldig und dann immer genervter musste ich jedoch Woche für Woche abwarten, da es fast jedes Wochenende oder wenige Tage davor regnete und die Route in ein Schwimmbad verwandelte. An den wenigen Tagen mit trockenen Bedingungen musste ich entweder arbeiten oder ich fand niemanden, der mich begleiten konnte. So waren die Sommerferien fast zu Ende, als ich einen Versuch mit Elisabeth Lardschneider starten konnte. Ein Durchstieg war jedoch noch weit entfernt und ein weiterer Versuch ging sich in diesem Jahr nicht mehr aus. Der Winter brach herein und ich freute mich auf das nächste Jahr.

Die nasse sechste Seillänge (7b+)

2020 – Der Durchstieg

Nach einem intensiven Trainingsjahr fühlte ich mich fitter als je zuvor. Nach dem Abschluss der Matura hatte die erste freie Begehung meines nun 3 Jahre alten Projekts höchste Priorität. So kehrte ich, einige Tage nachdem ich meine erste 8c geklettert war, mit neuer Motivation zurück zum Schlern. Ich seilte mich ab und boulderte die Schlüsselstellen nochmals aus. Ich fand etwas leichtere Lösungen und konnte mir erstmals vorstellen, einen ernsthaften Durchstiegsversuch zu starten. Mein Vater hatte mir bereits zugesagt, mich, bewaffnet mit Jumar und Trittleiter, zu begleiten.

So kam es, dass wir am 10. Juli bei warmen Sommerwetter vor der ersten Schlüsselseillänge standen. Mit gutem Gefühl überwand ich die erste Schwierigkeit. Auch die nächste Seillänge über die zwei markanten Dächer auf bestem Fels ging ohne Probleme. Alles fühlte sich sehr viel leichter an, als die vergangenen Jahre. Die nächsten zwei Seillängen waren komplett nass, doch ich schreckte nicht zurück und kämpfte mich mit nassen Händen zum Band vor dem großen Überhang.

Dort legten wir eine etwas längere Pause ein, um die bereits ein wenig ermüdeten Arme zu erholen. Ich dachte an Manuel und Bernhard und konnte sie beinahe hören, wie sie ihren Athlet anfeuern. „Attacke“ war eines der Lieblingsworte Manuels und weckt heute noch viele Erinnerungen unter den Kletterern, die ihn kannten.

Konzentriert kletterte ich die ersten schwierigen Züge zur Schlüsselstelle. Mit eisernen Willen schraubte ich die Leisten zu und kletterte über den steilsten Teil der Wand. Vor dem letzten Zug zum rettenden Henkel spürte ich, dass die notwendige Spannung im rechten Oberarm fehlt. Mit letzter Kraft und mit einem lauten Schrei schnappte ich in den Henkel und blieb entgegen aller Erwartungen hängen. Unglaublich erleichtert schüttelte ich kurz meine müden Arme und kletterte über perfekte Henkellöcher die letzten Meter zum Stand. Wenig später erreichten wir den Gipfel des Mumelterkopfs, der sich in den letzten Jahren zu einem meiner Lieblingsplätze entwickelt hatte, und waren glücklich darüber, eine Erinnnerungsroute an zwei Freunde, die viel zu meinen Kletterleben beigetragen haben, vollendet zu haben.

Die Schlüsselseillänge kurz vorm Gipfel (8a)

Danke an Elisabeth, Hans und Moritz Tirler für die Begleitung, Verena und Erich von der Schlernbödelehütte für die Unterstützung und dem AVS für die Bohrhaken!

Auf dem Gipfel

Zustieg: Vom Parkplatz Bad Ratzes zur Schlernbödelehütte. Von dort weiter über den Gamssteig in Richtung Schlern. Der Einstieg befindet sich direkt am Gamssteig und ist mit einer weißen Schlinge an einer Sanduhr markiert. Die Wand ist bereits vom Parkplatz und von der Schlernbödelehütte gut ersichtlich. (1h 40min)

Absicherung: Alle Stände und Zwischensicherungen sind mit Bohrhaken versehen

Material: 14 Expressschlingen

Abstieg: Vom Gipfel den Osthang des Mumelterkopfs über steile Wiesen queren und anschließend auf das Schlern-Plateau aufsteigen. Über die Wiesen nach Osten gehen und über den Gamssteig absteigen.

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„Kaffeer“ (VII) Oman – Al Khumaira Wall https://patricktirler.com/kaffeer-oman-al-khumaira-wall https://patricktirler.com/kaffeer-oman-al-khumaira-wall#respond Wed, 26 Feb 2020 16:30:00 +0000 https://patricktirler.com/?p=41 Oman – Jebel Kawr – Al Khumaira Wall – 26.02.2020 – mit Martin Dejori und Florian Gufler Es war der letzte Klettertag unserer Kletterreise nach Oman, als Martin, Florian und ich am Wandfuß des Jebel Kawr standen. Ziel des heutigen Tages war die Route „Fortune Teller”, welche vor kurzem von Simon Messner und Martin Sieberer […]

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Oman – Jebel Kawr – Al Khumaira Wall – 26.02.2020 – mit Martin Dejori und Florian Gufler

Es war der letzte Klettertag unserer Kletterreise nach Oman, als Martin, Florian und ich am Wandfuß des Jebel Kawr standen. Ziel des heutigen Tages war die Route „Fortune Teller”, welche vor kurzem von Simon Messner und Martin Sieberer erstbegangen wurde. Mit dabei Judith und Janluca, welche sich als eigenständige Seilschaft bewegten.

Die ersten Seillängen zum großen Band, über dem die Wand an Steilheit gewinnt, bewältigen wir schnell und ohne Probleme. Florian an der Spitze gibt das Tempo an. Immer wieder schweifen unsere Blicke zu den markanten Rissen und Verschneidungen links unserer Route. Erst nach der 3. Seillänge spricht Martin schließlich den Gedanken aus, doch eine neue Variante zu versuchen. Begeistert von diesem Vorschlag erblicken wir links über uns eine Verschneidung, die nach mehreren Metern abrupt an einem Dachvorsprung endet. In der Mitte der Verschneidung verläuft ein leichter Riss, der jedoch zum Großteil verschlossen wirkt. Der darüberliegende steile und abweisende Wandbereich wirkt auf uns sehr einladend.

So übernehme ich die Seilführung und beginne langsam die Verschneidung emporzuklettern. Der Riss lässt sich überraschend gut von lockerem Material befreien, sodass er einige Friends zur Absicherung aufnimmt. Am Dachvorsprung angelangt bietet sich die Möglichkeit nach rechts auszuweichen, die ich dankend annehme und somit die Verschneidung mit einem kräftigen Zug verlassen kann. Kurz bevor sich das Seil zum Ende neigt, gelingt es mir einen verlässlichen Stand zu bauen. In der nächsten Seillänge drängt uns die Kompaktheit des Felses weit nach links über eine schwer abzusichernde Platte, bis ich zu einem Riss unter einem Dach flüchten kann. Dort übernimmt Martin die Führung, der voll motiviert auf die Dächer zuklettert und sich ohne zu zögern locker darüber schwingt. Eine wechselhafte Kombination von Rissen, kompakten Platten und Verschneidungen weist uns einen klaren Weg nach oben. Die Wand wird flacher, doch die Felsqualität nimmt keineswegs ab. Der Ausstieg scheint nah, als Florian Martin ablöst und mit seinen blutigen Fingern den Weg über scharfe Platten nach oben sucht. Nach zwei weiteren Seillängen erreichen wir den Gipfel und können auf eine schöne neue Route zurückblicken.

Am nächsten Morgen beim Frühstück hatte der Kaffee ein besonderes Aroma. Als alle Tassen voll waren und die Kaffeemokka leer war, bemerkten wir einen riesigen verkohlten Käfer in der leeren Mokka. Anscheinend hat der „Kaffeer“ aber allen geschmeckt, denn der Käfer durfte auch noch bei der zweiten Runde drinnen bleiben. Als Dank für den guten Kaffee widmen wir ihm unsere Erstbegehung.

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Routeninformationen:

Kaffeer – VII (obl.)

7 Seillängen + 3Sl von der Route „Fortune Teller” vom Band weg

Absicherung: total clean, einige Haken zum Standplatzbau vom Vorteil

Sehr abwechslungsreiche Route auf gutem bis perfektem Fels!

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